Interview für Robin Wood

Fleischkonsum und Herrschaftskritik

Der Zusammenhang zwischen der Produktion tierischer Produkte und ökologischen Problemen ist spätestens durch die Auseinandersetzung mit den Ursachen des Klimawandels evident. Sogar das Nachdenken über Fleischkonsum und Massentierhaltung findet immer mehr Verbreitung. Eine Sichtweise, die auch nach den kulturellen Ursachen des gewalttätigen Umgangs mit Tieren und der Natur fragt ist allerdings eher die Ausnahme. Der Künstler Hartmut Kiewert setzt sich mit malerischen und grafischen Mitteln genau mit diesem Thema auseinander. Für ihn ist die Aufhebung der Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren ein unumgänglicher Schritt auf dem Weg in eine gewaltfreie und selbstorganisierte Gesellschaft.

Was inspiriert dich zu der Auseinandersetzung mit dem Thema Mensch – Tier?

An der Beziehung des Menschen zum Tier, welches heute hauptsächlich über weiterverarbeitete Konsumgüter, also in abstrahierten, entfremdeten Formen stattfindet, wird der ganze Wahnsinn in dem sich die heutige Gesellschaft befindet permanent sichtbar – zumindest wenn mensch den Blick dafür schärft. Mit der Produktion tierlicher Produkte, welche vornehmlich in der so genannten „ersten Welt“ konsumiert werden, wird in anderen Teilen der Erde Hunger geschaffen, Urwälder abgeholzt, Trinkwasser verseucht und das Klima angeheizt, während sich der Fleischkonsument hierzulande mit Krankheiten herumschlägt, welche wiederum durch Konsum tierlicher Produkte hervorgerufen werden. Menschen lassen völlig gedankenlos Lebewesen unter miserabelsten Bedingungen „produzieren“ und abschlachten, welche genau wie Menschen Gefühle haben und ein Recht auf Selbstbestimmung haben sollten. Erkenntnisse im Bereich der Tierverhaltensforschung entziehen der krassen Trennung zwischen Mensch und Tier, welche wesentliche ideologische Grundlage für die Ausbeutung und Unterdrückung von Tieren ist immer mehr den Boden. Am Verhältnis des Menschen zum Tier tritt die völlig absurde, da nicht notwendige Destruktivität und Widersprüchlichkeit unserer Kultur und Moral zutage. Das Nicht-Akzeptieren-Wollen und Aufzeigen dieser Absurdität ist die wichtigste Motivation für meine Arbeit.

Du verbindest die Kritik am Umgang des Menschen mit Tieren mit einer allgemeinen Kritik an Herrschaftsverhältnissen. Warum denkst du, besteht ein Zusammenhang zwischen der Ausbeutung von Tieren und den Herrschaftsstrukturen innerhalb der menschlichen Gesellschaft?

Die Denkmechanismen, welche die Ausbeutung von Tieren legitimieren überschneiden sich mit denen, welche die Ausbeutung von Menschen legitimieren. Der Mensch konstruiert durch das Abwerten des Tieres bzw. des Fremden seine eigene Höherwertigkeit. Unsere Kultur ist durch eine Hierarchie geprägt, an deren Spitze der weiße, gesunde, männliche Mensch steht und an deren Ende das der Ausbeutung und freien Verfügbarkeit preisgegebene Tier. Dabei wird nicht nur die Natur zum Untertan gemacht, sondern auch die als animalisch geltenden, nicht erwünschten Anteile im Menschen selber werden unterdrückt, bzw. als barbarisch, primitiv oder verweichlicht abgetan. So lassen sich auch interhumane Unterdrückungsverhältnisse legitimieren, indem unterdrückte menschliche Gruppen in den Bereich des Animalischen, des Unvernünftigen projiziert werden. So wurden und werden z. B. Frauen oder Menschen, die einer so genannten anderen „Rasse“ zugeordnet werden, als weniger wertvoll betrachtet. Sie sind also bedenkenloser ausbeutbar. Die durch Eigentums- und Machtverhältnisse festgelegte gesellschaftliche Position wird als quasi „natürliche“ Rolle uminterpretiert. Die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse werden verschleiert.

Du stellst deine Malerei in einen explizit politischen Kontext. Wird dadurch nicht die Wirkung und Lesbarkeit der Kunstwerke verkürzt und abgeschwächt?

Die Symbolik von Fleisch ist die Symbolik der Macht. Dem Sujet der Tierdarstellungen ist also eine politische Dimension immanent. Politik ist eine Frage wie wir unser Zusammen-Leben organisieren wollen, welche Kultur wir schaffen und leben wollen. Da will ich mich als Künstler einmischen und die Dinge die ich falsch finde auch beim Namen nennen. Ich denke, dass die Abspaltung der politischen Sphäre in die Hände von Profi-Politikern und Interessenverbänden, also das vorherrschende repräsentative Politikverständnis eines der wesentlichen Hindernisse auf dem Weg hin zu einer emanzipierten, befreiten Gesellschaft ist. Was meine künstlerische Arbeit konkret angeht, so sind die Bilder schon politisch gemeint, aber ich stelle mit meinen Bildern keine expliziten Forderungen auf. Die Bilder bleiben – und das möchte ich auch – in ihrer Lesbarkeit offen. Durch den Malprozess findet ohnehin eine Sublimierung des Themas statt. Um mit Herbert Marcuse zu sprechen, kann Kunst die härtere Wirklichkeit nicht darstellen, wohl aber zu neuen Sichtweisen auf die Wirklichkeit anregen.

Was für ein Feedback bekommst du von den BesucherInnen deiner Ausstellungen? Sind dein Publikum vor allem schon Überzeugte, oder erreichst du auch Menschen, die sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt haben?

Die meisten Menschen die meine Bilder anschauen und sich mit mir darüber unterhalten fühlen sich durch die Bilder angesprochen und empfinden teilweise ganz ähnlich wie ich. Das Publikum ist sehr gemischt, aber sicher ist der Anteil an Menschen die vegan leben relativ hoch. Ich denke, dass ich durch meine Kunst durchaus Menschen erreiche für die die Themen Tierethik und Herrschaftskritik neu sind.

Welche Wirkung wünschst du dir von deinen Bildern?

Meine Bilder sind ein Versuch die Absperrung des Bewusstseins gegen das Schicksal der Tiere zu unterwandern. Der Abwesenheit und Verdrängung des schlechten Lebens und Sterbens der Tiere versuche ich die Präsenz der Malerei, die Präsenz der Fleischfarben, meine ganz persönlichen Perspektiven entgegenzusetzen. Ich wünsche mir, dass meine Bilder ein Unbehagen gegenüber der verbreiteten Esskultur hervorrufen und die oder den Betrachtenden dazu anregen selbst neue Perspektiven in Bezug auf Tiere und unsere gesellschaftliche Organisierung im Ganzen zu entwickeln.

Was sind deine Ideale, was sollte bzw. muss sich verändern?

Die Situationistische Internationale, welche auch wichtige Impulse für kreative Protestformen wie Straßentheater oder Adbusting gegeben hatte, strebte die Aufhebung der Kunst im alltäglichen Leben an.  Und zwar in dem Sinne, dass die vom Leben separierte, museale, representative Kunst abgeschafft wird, indem das spielerische, utopische Potential das in der Kunst aufgehoben ist im Alltag von allen Menschen verwirklicht wird – dass wünsche ich mir. Der Arbeitsethos der nicht nach der Sinnhaftigkeit des Tuns fragt – und so auch Menschen für die Zerstörung von Umwelt oder die Produktion von Waffen reichlich entlohnt werden – sollte endlich überwunden werden und Platz machen für die freie Entfaltung einer sich hierarchiefrei selbstorganisierenden Gesellschaft freier Individuen in einer nicht mehr an Profit und Eigentumsstreben ausgerichteten Welt.

Welche Projekte planst du zur Zeit?

Im Mai 2011 werde ich im Moritzhof in Magdeburg ausstellen. Hierzu wird es auch wieder ein inhaltliches Begleitprogramm geben. Genauere Infos werden bald auf meiner Homepage www.hartmutkiewert.net zu finden sein. Was direkte politische Aktionen angeht, so werde ich mich weiter an Aktionen gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Gentechnik, Militarismus, Tierausbeutung und für eine gewaltlose und herrschaftsfreie Gesellschaft beteiligen. Gerade haben wir in Witzenhausen eine Rythms of Resistance Samba-Band gegründet. Der Protest wird laut!

[das Interview ist in etwas gekürzter Form im aktuellen Robin Wood Magazin abgedruckt]